O quoties obitum linguae statuere Latinae!

Tot tamen exequiis salva superstes erat!

Immer von Neuem sagen sie tot die lateinische Sprache,

jedes Begräbnis jedoch hat sie gesund überlebt.

Josef Eberle (1901-1986)
Ehrenbürger der Stadt Rottenburg

Latein ist tot. Wozu braucht man das noch? Darum:

Versucht man von jemandem, der diese Behauptung nachplappert, zu erfahren, was er überhaupt damit meint, könnte sich die Geschichte ungefähr so anhören:

Als das Römische Reich unterging, verschwanden auch alle, die Latein als Muttersprache sprachen, und deshalb ist Latein ausgestorben. Danach wurde es nur noch in der Kirche und in der Schule weiterbenutzt.

Das ist natürlich in jeder Hinsicht blanker Unsinn. Als das (West-)Römische Reich zerfiel, starben ja nicht gleichzeitig alle Latein-Sprecher.

Römer gab es vor dem Römischen Reich genauso wie danach, und ihre Sprache unterlag demselben Sprachwandel wie alle anderen Sprachen. Heute sprechen Römer Italienisch, und es lässt sich lückenlos nachvollziehen, wie das Italienische aus dem Lateinischen entstanden ist.

Also: Latein ist nicht ausgestorben, sondern es hat sich immer weiterentwickelt!

Der Zweifler wird nun einwenden, dass das am Kern seiner Kritik nichts ändert:

Jedenfalls spricht niemand mehr Latein. Wozu soll man es also lernen? Darum:

Hierzu vertritt der Münchner Latein-Professor und wahrscheinlich beste lebende Latein-Sprecher (!) Wilfried Stroh in seinem Buch „Latein ist tot, es lebe Latein!“ (List: Berlin 92015) folgende These:

In einer kurzen Phase der Geschichte des Lateinischen entstanden innerhalb weniger Jahrzehnte herausragende Werke der europäischen Literaturgeschichte: die Reden und die philosophischen Abhandlungen Ciceros, die Gedichte von Horaz und Ovid sowie das Epos Vergils. Diese Werke wurden schon von der nächsten Generation für so vollendet in Form und Inhalt empfunden, dass man auch die Entwicklungsstufe der Sprache, in der sie verfasst worden waren, für maßgeblich und verbindlich für jede schriftliche Äußerung hielt. Seit dem war es jedenfalls so, dass jeder, egal woher er kam, in dieser Sprache schrieb, wenn er von möglichst vielen verstanden werden wollte. Wir können sicher davon ausgehen, dass der Kirchenvater Augustinus im Alltag völlig anders sprach, als er schrieb, aber was er schrieb, war lupenreines Cicero-Latein – und zwar 400 Jahre nach Cicero. Das gleiche gilt für Einhard, der eine Biografie Karls des Großen schrieb – über 800 Jahre nach Cicero. Sicherlich sprach er einen germanischen Dialekt als Muttersprache, aber er schrieb so, dass Cicero ihn mühelos verstanden hätte. Und er schrieb so, dass alle ihn verstehen können, die Cicero verstehen – auch heute noch! Das Gleiche gilt für Erasmus, Luther und Melanchthon – über 1500 Jahre nach Cicero!

Was also von unserem Kritiker als Argument gegen Latein vorgebracht wird, ist in Wirklichkeit für mehr als anderthalb Jahrtausende sein unschätzbarer Vorteil gewesen: Latein war die Universalsprache aller Gebildeten (übrigens auch der Naturwissenschaftler), und zwar nicht nur über alle Völker, sondern auch über alle Zeiten hinweg!

(Diese Qualität muss das Englische erstmal unter Beweis stellen, dass in 500 Jahren noch irgendjemand ohne Unterstützung eines Sprachwissenschaftlers versteht, was ein Wissenschaftler in heutigem Englisch aufgeschrieben hat!)

Fazit: Latein ist international und zeitlos! Wer verstehen will, was gebildete Menschen in Europa in den letzten zwei Jahrtausenden gedacht und geschrieben haben, muss Latein können.

Nun mag unser Zweifler vielleicht immer noch nicht überzeugt sein:

Auf Latein sind ja lauter alte, überholte Sachen geschrieben, die heute niemand mehr braucht. Außerdem ist das doch alles längst übersetzt und steht im Internet. Stimmt nicht:

Wenn man das hört, sollte man allerdings schreien vor Verzweiflung. Eine solche Äußerung zeugt von derselben Dummheit und Naivität wie die folgende Geschichte: Als die arabischen Eroberer Alexandrias sich im 7. Jahrhundert daran machten, die Bibliothek der Stadt in Schutt und Asche zu legen, versuchte man sie mit dem Hinweis davon abzubringen, dass sich in dieser Bibliothek das Wissen der gesamten Menschheit befinde. Die Eroberer sollen geantwortet haben, dass alles, was der Mensch wissen müsse, im Koran stehe. Also könne man die Bibliothek ruhig anzünden. Und falls in der Bibliothek doch etwas sei, was nicht im Koran stehe, so sei es überflüssiges oder sogar schädliches Wissen. (Die Geschichte ist unhistorisch und islamfeindlich: Zwar ging die Bibliothek von Alexandria, der größte Wissensspeicher der Antike, bei der arabischen Eroberung tatsächlich in Flammen auf – und damit ein unschätzbares Erbe der Menschheit. Die Argumentation wurde den Arabern aber von einem missgünstigen Geschichtenschreiber in den Mund gelegt. Tatsächlich ist die Rolle der arabischen Wissenschaftler für die Rettung und Überlieferung antiker Philosophie und Naturwissenschaften gewaltig!)

Wir erzählen die erfundene Geschichte hier nur deshalb, weil in ihr dieselbe hochmütige Dummheit waltet, wie bei dem Latein-Kritiker. Es ist ein verheerender Irrtum zu glauben, dass alles Wissen, das die Menschheit in zwei Jahrtausenden auf Latein aufgeschrieben hat, übersetzt sei – oder das das Unübersetzte belanglos und sein Verlust verschmerzbar sei. Also muss man weiterhin Latein lernen, um dieses Wissen entdecken und verstehen zu können. Und es ist ein ebenso abgrundtiefer Irrtum zu glauben, dass alle Bücher der letzten zwei Jahrtausende im Internet stehen. Also muss man sie aufbewahren und nicht wegwerfen, wenn man will, dass man bei Bedarf darauf zugreifen kann.

Wie es tatsächlich um das Gedächtnis des Internets bestellt ist, zeigt dieser Artikel.

Zum Weiterlesen:

  • Latein macht Spaß – Infos für künftige Römerinnen und Römer
    Eine Handreichung des Kultusministeriums Baden Württemberg 
    Link
  • Lebt Latein? Ein Gespräch über innovativen Unterricht, rückläufige Schülerzahlen und eine nur vermeintlich tote Sprache. Link
  • Für welche Studienfächer braucht man das Latinum? Link
  • Warum werden für diese Studienfächer gerade Lateinkenntnisse verlangt? – Eine verblüffende Untersuchung über das Leseverständnis bei Studenten an der Universität Köln. Link (pdf, 5,4 MB, dort die Seiten 36-41)
  • Friedrich Maier: Warum Latein? Zehn gute Gründe. Reclam: Stuttgart ²2014 (€ 4,-)

Friedrich Maier nennt folgende zehn Gründe dafür, Latein zu lernen:

1. Königsweg zu vertieftem Sprachverständnis (d.h. systematische Einsicht in die Funktionsweise einer Sprache)

2. Trainingsfeld für die Muttersprache (weil man beim Übersetzen gezwungen wird, sprachliche Mittel auf Deutsch anzuwenden, die zuvor nicht zum aktiven Sprachschatz gehörten)

3. „Trimm-dich-Pfad“ des Geistes (hohe Konzentration, gleichzeitige Verarbeitung vieler Informationen, systematisches Problemlösen)

4. Brückensprache zu modernen Fremdsprachen

5. Labor zur Analyse einer „hinterlistigen“ Rhetorik (Woran erkenne ich, dass ein Redner seine Zuhörer manipuliert?)

6. Fahrstuhl zu den Wurzeln Europas (z.B. Werte wie Klugheit, Freiheit, Gehorsam gegenüber dem Gesetz)

7. Schatzkammer europäische Sprachbilder (z.B. Was ist ein Pyrrhussieg?)

8. Studierstube für europäische Grundtexte (z.B. hippokratischer Eid, was ist ein gerechter Krieg?)

9. Treffpunkt mit Menschen, die die Welt veränderten (z.B. Caesar)

10. Zugang zu den Quellen von Dichtkunst und Philosophie (Ovid, Cicero, Seneca)

Nützliche Links für Lateinerinnen und Lateiner: